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Als blinder Fan – So fühlt sich Fußball an

Veröffentlicht am 31.12.2010 | Lesedauer: 5 Minuten
Von Lars Wallrodt

Wie erleben blinde Fans ein Spiel, das sie nicht sehen können? Ein Selbstversuch des "Welt Online"-Reporters.
Dunkelheit, ein Pfiff, Gebrüll. Ich spüre den Boden beben, wenn die Fans hüpfen. Sehen kann ich sie nicht. Für 90 Minuten habe ich mein Augenlicht eingetauscht gegen eine Augenbinde und einen Kopfhörer. Es ist unheimlich, in einem Fußballstadion zu sitzen und nichts zu sehen. „Du fühlst dich nicht wohl, oder?“, fragt eine freundliche Stimme von rechts. Susanne Klausing, 42, tätschelt meinen Arm, und ich bin froh, dass sie da ist. Sie ist seit zehn Jahren blind. Ihretwegen bin ich heute hier.

Wir treffen uns eine Stunde vor einem Zweitligaspiel in Berlin. Ich, der Sehende, und sie, die Blinde, die am Arm ihres nicht blinden Freundes Axel ins Stadion geführt wird, den weißen Stock immer voran. Er navigiert sie: Vorsicht, Stufe! Vorsicht, Gegenverkehr! Im Stadion verändern sich die Verhältnisse: Ich bekomme eine Augenbinde. Nun ist sie die Souveräne, und ich komme mir hilflos vor. „Wenn du möchtest, kannst du die Maske jederzeit abnehmen“, sagt sie, „ich kann fühlen, dass du unsicher bist.“ Sie hat recht.

Aber ich möchte wissen, wie das ist, Fußball zu erleben, ohne dabei sehen zu können. Die Idee dazu hatte ich, seit ich vom Hertha-Fanklub „Sehbären“ gehört hatte, den Susanne 2006 gründete. Ich rief sie an und wollte wissen, ob es blinde Menschen kränken würde, wenn ich Blindheit simuliere. Susanne fand die Idee gut: „Das wird eine interessante Erfahrung.“

Wie eine Radioübertragung
Blinde Fans bekommen bei Hertha BSC einen Kopfhörer. Sie sitzen auf der Tribüne und lauschen der Stimme eines Reporters, der das Spiel für sie direkt aus dem Stadion kommentiert, ähnlich einer Radioübertragung. Es ist, als ob andere Sinne die Aufgaben meiner Augen übernehmen möchten. Ich rieche Glühwein, Zigarettenrauch. Jemand stößt an mein Knie. „Entschuldigung“, sagt eine Frau mit netter Stimme. Ich lächele und denke kurz darüber nach, ob sie wohl hübsch ist. Susannes Freund Axel tippt mich an: „Und, wie geht es so weit?“ Ich bin froh, dass jemand da ist zum Reden. „Axel, wie hat sich dein Leben geändert, als du Susanne kennengelernt hast?“ Er erzählt: „Ich musste vieles umstellen, denke jetzt immer ein paar Schritte voraus. Und ich versuche, ihr die Dinge zu beschreiben, die ich sehe.“
Als die beiden sich kennenlernten, war Susanne schon blind. Sie hat ihn nie gesehen. „Er ist groß, hat kurze Haare und Segelohren“, sagt sie und lacht. Dann wird sie ernst: „Wenn ich plötzlich wieder sehen könnte, würde er wohl anders aussehen, als ich ihn mir vorstelle.“
Susanne Klausing war 32, als sie innerhalb von zwei Minuten erblindete. Am 9. Januar 2001, das Datum wird sie nie vergessen, kam sie wegen einer Sehnerventzündung und hohem Blutdruck ins Krankenhaus. Die Äderchen, die die Augen mit Blut versorgen, waren verkalkt. Ihr Ex-Freund Oliver ist der Letzte, den Susanne jemals gesehen hat, die Schäden waren irreparabel.
Im Fußballstadion ist Susanne mein Anker in der Dunkelheit. „Wenn was ist, einfach am Ärmel zuppeln“, hat sie vor dem Spiel gesagt. Gut zu wissen. „Hahohe, Hertha BSC“, donnert es von links, wo sich die volle Ostkurve befindet. Hinter uns pöbelt jemand: „Wir spielen so scheiße.“ Hanno Schönewald und Florian Marrach, so heißen die beiden Männer, die an diesem Tag das Spiel für uns kommentieren, sind da anderer Meinung, sie sprechen von einer „flotten Partie“. „Kannst du hören, wie viele Menschen im Stadion sind?“, frage ich. Susanne schätzt 45.000. Später erfahren wir vom Stadionsprecher, dass es 45.800 sind. Ich kann das kaum glauben.

Die Luft vibriert vom Jubel
Als ich sie fragen will, wie sie die Masse erfühlt, plötzlich ein Aufschrei von allen Seiten. „Elfmeter!“, rufen die Fans um uns herum. Ich möchte mir am liebsten sofort die Augenbinde abreißen. Mein Kommentator sagt: „Ich schaue noch mal auf die Wiederholung.“ Dann erklärt er die Szene. Tatsächlich, Elfmeter für Berlin. Ich sehe schwarz und versuche ihn mir vorzustellen. Das ist schwerer als gedacht. Ich erinnere mich nicht einmal daran, ob die Hertha nun von rechts nach links spielt oder umgekehrt. In jedem Fall trifft der Schütze. Die Luft vibriert regelrecht vom Jubel, jemand schlägt auf das Geländer in meinem Rücken. Ich würde gern aufspringen, wie man das eben macht beim Fußball. Ich traue mich nicht.

Wie sieht jemand ein Spiel, der seit zehn Jahren nichts mehr sieht? „Was unsere Reporter erzählen, setze ich in meinem Kopf in Bilder um“, sagt Susanne. Sie weiß noch von früher, wie ein Fußballfeld aussieht. Sie kennt Farben. Einmal hat sie eine Freundin, die schon lange blind ist, gefragt, ob die Erinnerung an die Farben verblasst. Tut sie nicht. Susanne sagt: „Ich träume intensiver, seit ich blind bin. Und die Träume sind immer in Farbe.“
In ihrem Schlafzimmer hängt ein Poster an der Decke: das Mannschaftsfoto von 2006. „Das war die Saison, als Hertha ganz in Weiß gespielt hat. Das muss klasse aussehen“, erzählt sie und lacht: „Seit ich das Poster habe, sage ich immer: Ich gehe jeden Abend mit 23 Männern ins Bett.“ Ich wundere mich über ihre Fröhlichkeit und dann darüber, dass ich mich darüber wundere.

Im Stadion ist inzwischen das zweite Tor gefallen, irgendwann in der zweiten Halbzeit. Ich habe kein Zeitempfinden mehr. Doch das Spiel ist entschieden. „Hahohe“, singt Susanne neben mir. Sie ist selig. Dann der Abpfiff. Ich nehme meine Augenbinde ab. Der Rasen liegt wunderbar grün im Flutlicht vor mir, umrundet von der blauen Laufbahn. „Ist es noch hell?“, fragt Susanne. Ja, ist es. Selbst die winterliche Dämmerung um halb vier nachmittags kommt mir jetzt strahlend vor wie nie. Als abends im Fernseher das Spiel gezeigt wird, schalte ich ab. Ich möchte die Tore so in Erinnerung behalten, wie ich sie mir vorgestellt habe.