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B.Z. 10.02.2010

Hanno Schönewald (27) und Florian Marrach (26) erinnern nicht an Bären, sondern gleichen eher zwei wachsamen Adlern. Sie gehören aber zu den Sehbären, dem Hertha-Fanclub für Blinde und Sehbehinderte. Ausgestattet mit Kopfhörern und Mikro kommentieren sie im Block P im Olympiastadion per Funk jedes Heimspiel für bis zu 100 Fans. Keine Bewegung der 22 Spieler entgeht den beiden. "Wir versuchen so detailliert wie möglich jede Ballberührung zu schildern: Wo der Ball ist, wer ihn hat und ob eine Torgefahr besteht", erzählt Hanno, der seit vier Jahren dabei ist. Die beiden wechseln sich alle zwei Minuten mit dem Kommentieren ab. Die Initiative, Live-Kommentare im Stadion anzubieten, kam ursprünglich vom Allgemeinen Blinden- und Sehbehinderten-Verein Berlin. Der bot den Service vor einigen Jahren Hertha BSC an. Vorsitzende Susanne Klausing (41), die vor neun Jahren erblindete, gründete die Sehbären vor vier Jahren. Mittlerweile gibt es drei Kommentatoren und 93 Mitglieder.

Beim heutigen Spiel haben sich 46 000 Fans trotz frostiger minus 15 Grad ins Stadion getraut, darunter auch 20 Sehbären. Eine von ihnen ist Elfriede Mielens (74). Die Rentnerin rutscht unruhig auf dem Plastiksitz. Denn gerade hat sie über ihre Kopfhörer erfahren, dass Torwart Drobny eine Katastrophe gegen Borussia Mönchengladbach verhindert hat.Seit über 60 Jahren ist sie Hertha-Fan und wird von Ehemann Lothar, den sie auch beim Fußball kennenlernte, zu jedem Spiel begleitet. „Ich bin fast blind, aber unsere Jungs kommentieren so lebendig, da ist es, als ob ich sehen könnte. Deswegen will ich, seit ich bei den Sehbären bin, kein Spiel verpassen.“Mittlerweile sind die Sehbären eine Institution: Alle Herthaspieler kennen den Verein, zu jeder Weihnachtsfeier besucht ein anderer Spieler den Fanklub. Selbst im Ausland sind die Sehbären nicht unbekannt. Zur EM forderte die Schweiz, wo es noch keine Blindenkommentatoren gibt, bei Hertha Unterstützung an und ließ Hanno für drei Spiele nach Basel einfliegen.Nach Südafrika werden die Sehbären nicht reisen, dafür bei jedem Spiel im Olympiastadion ihre Ohren offen halten (Information: www.sehbaeren.info).